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Stolpersteine Lich, zur Startseite

Jüdisches Leben in Lich, Langsdorf und Muschenheim

Die Stolper­steine in Lich, Langsdorf und Muschenheim erinnern an Familien, die über Generationen hier lebten, bis sie nach 1933 entrechtet und vertrieben oder ermordet wurden. Diese Seite erzählt ihre Geschichte im Zusammenhang.

Jüdisches Leben vor 1933

Jüdische Familien lassen sich hier weit zurück­ver­folgen. Die Isaaks waren schon vor 1800 eine Licher Familie; in Muschenheim wurde Isaak Bamberger am Ende des 18. Jahrhunderts Schutz erteilt, und von seinen Nachkommen zeugen viele Grabsteine auf den beiden jüdischen Fried­höfen des Dorfs.

Carl Chambré, der in der Unter­stadt 7 einen Stoff­waren­handel mit einem kleinen Bankge­schäft führte, stand der Licher Gemeinde von 1873 bis 1917 vor. 1922 kaufte sein Sohn Max Chambré für die Gemeinde das Anwesen Amtsge­richts­straße 4. Es wurde zur Synagoge umgebaut und zu Ehren des Vaters, der auf seinem Grabstein „Bezalel“ heißt, „Bezalel-Synagoge“ genannt. Im selben Jahr wurde Hermann Goldschmidt Vorsteher. Die Gemeinde hatte einen eigenen Schochet (Schächter), Bernhard Lind; 1932 zählte sie 74 Mitglieder.

Die meisten Familien lebten vom Handel. Die Familien Bamberger, Katz, Oppen­heimer und Sommer handelten mit Vieh, ebenso Gustav Windecker; die Brüder Stiefel und die Brüder Chambré in der Bahnhof­straße mit Getreide, Mehl und Dünger. Dazu kamen Läden wie die „Gebrüder Goldschmidt, Manufaktur­waren“ in der Braugasse, Emil Isaaks Firma „A. Isaak“ und Eduard Windeckers Schuh­geschäft. Viele waren in der Stadt verwurzelt: Moritz Goldschmidt war Ehren­mit­glied des TV 1860 Lich und lange Rechner im Verkehrs- und im Volks­bildungs­verein, Max Chambré aus der Unter­stadt war an der Gründung der Licher Feuerwehr beteiligt gewesen und im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausge­zeichnet worden.

In Muschenheim war Leopold Bamberger Vorsänger der kleinen jüdischen Gemeinde und ging nachmittags mit dem Bauch­laden nach Birklar und Betten­hausen. Zeitzeugen erzählten 2002, die Juden seien dort gut einge­bunden gewesen, in der Pflicht­feuerwehr, in der Gastwirtschaft, in der Dorfjugend. In Langsdorf lebten und arbeiteten die Familien Oppen­heimer, Goldstein und Nelken­stock.

Zeitungsseite mit mehreren Geschäftsanzeigen
Anzeigen der Firmen A. Isaak, Oberstadt 13, und Gebrüder Goldschmidt in einer Licher Zeitung, November 1921 Archiv Marienstift Lich (MST AZ 301)
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Auszug: die beiden Anzeigen von A. Jsaak und Gebr. Goldschmidt auf der Anzeigenseite vom November 1921

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März 1933 und Langsdorf 1934

In der Nacht vom 12. auf den 13. März 1933 überfiel die Licher SA die jüdischen Familien in der Unter- und Oberstadt, plünderte ihre Wohnungen und misshandelte die Männer im Frank­furter Hof schwer, darunter Max Chambré und Emil Isaak. In der Nacht zum 1. Juli 1934 überfiel ein SS-Sturm aus Hungen die Familien Oppen­heimer, Goldstein und Nelken­stock in Langsdorf; Moritz Oppen­heimer starb an einem Schuss. Dreizehn der vierzehn Stolper­steine in Langsdorf nennen diesen Überfall. Mehr zu beiden Nächten unter März 1933: das Pogrom in Lich.

Ausgrenzung und Wegzug

Danach kam das wirtschaftliche Leben der jüdischen Familien in Lich zum Erliegen. Ihre Geschäfte wurden boykottiert, Gewerbe mussten abgemeldet werden. Die Gebrüder Goldschmidt gaben ihr Geschäft zum 31. März 1933 auf, die Familie Oppen­heimer verlor 1934 ihren Grund­besitz in zwei Zwangs­ver­steigerungen, im März 1936 wurden die Firmen der Brüder Chambré und von Louis Stiefel „durch Verfügung des Bürger­meisters“ gestrichen. Als 1935 die Verlängerung der Pacht für einen Bleich­platz des Evangelischen Marien­stifts anstand, den die Familie Bamberger nutzte, fragte die Kirchen­gemeinde beim Dekanat in Hungen an; die Kirchen­leitung in Darmstadt antwortete: „Wir verpachten nicht mehr an Juden.“ Einzelne Nachbarn halfen heimlich, etwa mit Lebens­mitteln am Zaun der Windeckers.

Viele gingen, in Lich nach der Gewalt von 1933 besonders früh. Manche suchten Schutz in der Anonymität Frank­furts, andere flohen ins Ausland: Hedwig Bing mit 18 Jahren in die Nieder­lande, die Familie Chambré aus der Unter­stadt über Kassel und Berlin nach Belgien, Julius Bamberger am Tag vor der Zwangs­ver­steigerung seines Hauses nach Johannesburg. Ein Verzeichnis des Bürger­meisters hielt im Februar 1938 fest: Von den 77 Jüdinnen und Juden, die am 1. März 1933 in Lich gelebt hatten, waren 52 wegge­zogen.

Maschinengeschriebene Tabelle mit Familiennamen und drei Zahlenspalten
Verzeichnis des Bürgermeisters vom 11. Februar 1938: Von 77 Jüdinnen und Juden, die 1933 in Lich lebten, waren 52 weggezogen Stadtarchiv Lich
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Der Bürgermeister

Verzeichnis der in Lich ansässigen Juden.

Personen am 1.3.33Verzogene Personen bis 10.2.38Personen am 11.2.38
Oppenheimer, Joseph44
Stiefel, Adolf413
Katz, Hermann Wtw.22
″ Julius33
Stiefel, Hermann44
″ Louis55
Chambre, Max II.55
″ Siegmund33
Bing, Meier Wtw.33
Goldschmidt, Hermann11
″ Moritz Wtw. und Herbert44
Chambre, Max I.44
Windecker, Eduard413
″ Gustav3–3
Sommer, Moritz Wtw.44
Isaak, Emil514
Bamberger, Julius44
″ Wtw.2–2
Lind, Bernhard615
Katz, Jakob422
Sommer, Ludwig3–3
Summe775225

Lich, den 11. Febr. 1938
[Unterschrift] Presseamtsleiter

Vermerk: Lich, 11. II. 1938 · Wvl. 25. V. 38

Maschinengeschriebene Abschrift eines Schreibens
Das Kreisamt Gießen bestätigt im November 1933 den neuen Vorstand der jüdischen Gemeinde; Hermann Goldschmidt scheidet „infolge Auswanderung“ aus (Abschrift in der Geschichte der Familie Hermann Goldschmidt) Sammlung der Arbeitsgruppe

November 1938

Im November 1938 traf die Gewalt die Familien, die geblieben waren. Geschäft und Wohnung von Eduard Windecker wurden geplündert; er, Emil Isaak und Ludwig Bamberger kamen bis zum 13. Dezember in das Konzentrations­lager Buchenwald. Im Mai 1939 lebten von den 74 Mitgliedern, die die Gemeinde 1932 gehabt hatte, nur noch 15 in der Stadt. Mehr unter November 1938: Männer aus Lich in Buchenwald.

Deportation und Mord

1940 zogen die Familien Windecker und Isaak nach Frankfurt. Von dort wurden Emil, Sabine und Mathilde Isaak am 20. Oktober 1941 nach Łódź deportiert, Gustav, Selma und Gertrud Windecker am 12. November 1941 nach Minsk. Die Letzten wurden im September 1942 direkt aus Lich verschleppt: Am 14. September holte die Gestapo Rosa und Ludwig Bamberger ab, im selben Monat Ludwig, Toni und Berthel Sommer. Rosa Bamberger wurde in Theresien­stadt ermordet; ihr Sohn und die Familie Sommer wurden am 30. September 1942 von Darmstadt in das besetzte Polen deportiert, vermutlich nach Treblinka. Berthel war 16 Jahre alt. Danach lebten in Lich keine Juden mehr.

Auch die Flucht bot nicht überall Schutz. Max, Emilie und Annemarie Chambré wurden 1942 aus dem belgischen Durch­gangs­lager Mechelen nach Auschwitz deportiert, im Oktober 1942 Henriette Hahn und ihre neunjährige Tochter Monika. Aus dem nieder­ländischen Lager Westerbork führte der Weg für Hermann und Selma Stiefel nach Sobibor, für Clara Chambré und Henny Löb nach Auschwitz. Hermann Goldschmidt, Leopold und Jenny Bamberger und die Familie von Eduard Windecker wurden 1942 nach Theresien­stadt deportiert; die Windeckers 1943 weiter nach Auschwitz.

Verfolgt wurden nicht nur jüdische Familien. Die Geschwister Ludwig, Katharina und Heinrich Ledermann, Heinrich Nix und Emilie Engel aus Lich wurden wegen einer Behinderung oder einer psychischen Erkrankung in der Tötungs­anstalt Hadamar ermordet, als Opfer der „Aktion T4“. Auf ihren Steinen steht „verlegt“ in Anführungs­zeichen: Die Verlegung nach Hadamar war der Weg in den Tod.

Nach 1945 und Erinnerung

Wer überlebt hatte, war meist recht­zeitig geflohen und lebte nun in den USA, in Südafrika oder in Palästina. Herbert Goldschmidt überlebte versteckt in den Nieder­landen, Irma Stiefel und Hermann Windecker heirateten im Lager Westerbork und überlebten. Ernst-Ludwig Chambré war über Frank­reich, Spanien und Portugal nach Palästina entkommen; Gewissheit über das Schicksal seiner Familie erhielt er erst 1948. Einige kamen später zu Besuch nach Lich, darunter Julius Katz und Siegmund Chambré. Nach einer Darstellung von Alemannia Judaica wurden die Angeklagten des Langsdorfer Überfalls 1947 zu langjährigen Haftstrafen verur­teilt; 1949 wurde das Strafmaß in der Berufung erheblich gesenkt.

Die Erinnerungs­arbeit in Lich begann 1985: Nach antisemitischen Schmierereien in der Nacht vom 9. auf den 10. November erforschte die Dietrich-Bonhoeffer-Schule die Jahre 1933 bis 1945; 1988 erschien ihre Dokumentation. Daraus gingen Brief­wechsel mit Überlebenden hervor und 1997 die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung, in die Ernst-Ludwig Chambré sein Vermögen einge­bracht hatte. Mehr dazu unter Wir als Arbeits­gruppe.

Seit 1998 gibt es in Lich jedes Jahr eine Veran­staltungs­reihe zum 9. November, mit einer Mahnwache am Mahnmal vor der Marien­stifts­kirche. 2010 erschien das Buch „Juden in Lich, Birklar, Langsdorf, Muschenheim und Ettings­hausen“, auf dem die Recherchen für die Stolper­steine aufbauen. Seit 2019 liegen sie vor den früheren Wohnhäusern, in der Kernstadt an zwanzig Adressen, die der Rundgang verbindet. Was die Zeilen auf den Steinen bedeuten, erklärt die Seite Begriffe; Bücher und Archive stehen unter Literatur.

Quellen

Können Sie helfen?

Wissen Sie mehr über jüdisches Leben in Lich, Langsdorf oder Muschenheim? Fotos, Briefe, Dokumente und Erinnerungen helfen uns sehr. Schreiben Sie uns: info@stolpersteine-lich.de

Zusammengestellt von der Arbeitsgruppe Stolpersteine Lich aus den Familiengeschichten dieser Website · Stand: Oktober 2026