Sechs Stolpersteine vor dem Haus Unterstadt 7, das Carl Chambré 1874 erworben hatte, erinnern an seinen Sohn Max Chambré, dessen Frau Emilie, geborene Vöhl, ihre Kinder Henriette Hahn, Ernst-Ludwig und Annemarie und Henriettes Tochter Monika Hahn. Beim Licher Pogrom im März 1933 wurde Max Chambré so schwer verletzt, dass er nie mehr allein gehen konnte. Die Familie floh aus Lich; schließlich gelangten alle – auch Henriette mit ihrer Familie aus Berlin – nach Belgien. 1942 wurden Max, Emilie, Annemarie, Henriette und Monika nach Auschwitz deportiert und ermordet. Nur Ernst-Ludwig überlebte; aus seinem Vermögen ging später die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung hervor.
Leben in Lich
Carl Chambré, 1843 geboren, war 1871 das Ortsbürgerrecht in Lich verliehen worden. 1874 erwarb er das Haus Unterstadt 7 und gründete im selben Jahr zu seinem Stoffwarenhandel ein kleines Bankgeschäft; 1888 nahm er Manufakturwaren hinzu, also Stoffe und Textilien. Von 1873 bis 1917 stand er der jüdischen Gemeinde Lich vor.
Mit seiner Frau Minna Frohmann hatte Carl Chambré sechs Kinder. Ihr Sohn Ludwig starb mit 24 Jahren. Carl starb 1919, Minna 1927. Ihre Gräber sind auf dem jüdischen Friedhof in Lich erhalten, ebenso das Grab Ludwigs. Auf Carls Grabstein heißt er „Bezalel, Sohn des Juda“.
Max Chambré, am 8. Juli 1879 geboren, war das fünfte Kind. Er heiratete Emilie Vöhl, die am 27. Februar 1881 in Gedern zur Welt gekommen war. Das Paar bekam drei Kinder: Henriette am 4. Mai 1907, Ernst-Ludwig am 4. November 1909 und Annemarie am 3. Mai 1918.
1922 kaufte Max Chambré für die jüdische Gemeinde das Anwesen Amtsgerichtsstraße 4. Es wurde zur Synagoge umgebaut und zu Ehren seines Vaters „Bezalel-Synagoge“ genannt.
Die Familie verstand sich als deutsch und jüdischen Glaubens. Max Chambré war an der Gründung der Licher Feuerwehr beteiligt gewesen und im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Gemeinsam mit seinem Sohn Ernst-Ludwig engagierte er sich im sozialdemokratischen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das der örtlichen NSDAP verhasst war.
Ausgegrenzt
Auch deshalb traf das Pogrom der Licher SA in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1933 die Familie Chambré besonders schwer. Max Chambré erlitt schwere Kopfverletzungen, beide Kniescheiben wurden ihm zertrümmert; selbständig bewegen konnte er sich danach nie mehr.
Die Familie floh nach Kassel. In Lich wurde unterdessen das Geschäft geplündert, das Mobiliar „zu äußerst günstigen Preisen“ versteigert und der Besitz in einem fingierten Konkursverfahren verschleudert.
Flucht und Deportation
Sobald Max Chambré transportfähig war, brachte man ihn zu seiner Tochter nach Berlin. Emilie floh mit Annemarie über die „grüne Grenze“ nach Belgien. Dort lebte bereits Ernst-Ludwig: Er hatte in Gießen vom Licher Pogrom erfahren und war sofort geflohen.
Henriette hatte in Berlin den Kaufmann Ernst Hahn geheiratet, der aus erster Ehe eine Tochter Inge hatte. 1933 wurde ihre Tochter Monika geboren. Nach dem Novemberpogrom 1938 floh auch diese Familie nach Belgien.
Nach der deutschen Besetzung Belgiens 1940 flohen Ernst-Ludwig und sein Schwager Ernst Hahn nach Südfrankreich. Ernst-Ludwig wurde im Lager Saint-Cyprien interniert und schwer misshandelt. Er floh aus dem Lager und über die Grenze nach Spanien, wurde dort erneut interniert, entkam abermals und gelangte über Portugal nach Palästina. Ernst Hahn starb unter ungeklärten Umständen in Südfrankreich.
Max Chambré war wegen seiner Verletzungen in Belgien geblieben. 1942 wurden er, Emilie und Annemarie im Durchgangslager Mechelen interniert und mit dem ersten Transport am 4. August 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Max war 63 Jahre alt, Emilie 61, Annemarie 24.
Am 20. Oktober 1942 wurden auch Henriette, ihre Tochter Monika und ihre Stieftochter Inge nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Henriette war 35 Jahre alt, Monika 9, Inge 16.
Was bleibt
Ernst-Ludwig Chambré überlebte als Einziger. In Palästina heiratete er 1947 Ruth Elsoffer, die er aus Gießen kannte, und zog in die USA. Gewissheit über das Schicksal seiner Familie erhielt er erst 1948. Er starb am 20. Juni 1996 in New York, ohne Nachkommen.
Schülerinnen, Schüler und Lehrer der Dietrich-Bonhoeffer-Schule hatten über Lich in der NS-Zeit geforscht. Ihre Arbeit bewog Ernst-Ludwig Chambré, sein Vermögen in eine Stiftung zu geben. Die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung nahm 1997 ihre Arbeit auf und fördert seitdem die Erinnerung an den Holocaust.
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Six Stolpersteine at Unterstadt 7 remember Max Chambré, his wife Emilie née Vöhl, their children Annemarie and Ernst-Ludwig, their daughter Henriette Hahn and her daughter Monika.
The Chambrés were a leading Jewish family of Lich; in 1922 Max bought the building that became the Bezalel Synagogue. Max, a decorated veteran active in the social-democratic Reichsbanner, was crippled by the local SA during the pogrom of March 1933. The family fled to Kassel, Berlin and finally Belgium, while their property in Lich was plundered.
In August 1942 Max, Emilie and Annemarie were deported from Mechelen to Auschwitz and murdered; Henriette, Monika and Henriette’s stepdaughter Inge followed in October 1942. Ernst-Ludwig alone survived, escaping through French and Spanish camps to Palestine. He left his estate to the Ernst-Ludwig Chambré Foundation, founded in 1997.
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Stolpersteine der Familie
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Max
ChambréJg. 1879 unfreiwillig verzogen 1933 Kassel Flucht 1933 Belgien interniert Mechelen deportiert 1942 ermordet in Auschwitz
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Emilie
Chambrégeb. Vöhl Jg. 1881 unfreiwillig verzogen 1933 Kassel Flucht 1933 Belgien interniert Mechelen deportiert 1942 ermordet in Auschwitz
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Annemarie
ChambréJg. 1918 unfreiwillig verzogen 1933 Kassel Flucht 1933 Belgien interniert Mechelen deportiert 1942 ermordet in Auschwitz
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Ernst-Ludwig
ChambréJg. 1909 Flucht 1933 Belgien 1940 Frankreich interniert St. Cyprien Flucht 1943 Palästina
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Henriette
Hahngeb. Chambré Jg. 1907 verzogen Berlin Flucht 1939 Belgien interniert Mechelen deportiert 1942 ermordet in Auschwitz
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Monika
HahnJg. 1933 Flucht 1939 Belgien interniert Mechelen deportiert 1942 ermordet in Auschwitz
Was die Zeilen auf den Steinen bedeuten
Quellen
- Lesetext der Arbeitsgruppe zur Verlegung am 3. November 2021
- Bundesarchiv, Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden
- Klaus Konrad: „Die Licher haben ein großes Schweigen…“ – Briefe ehemaliger Einwohner Lichs, Mitteilungen der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung, 1998
Im Online-Archiv der Arolsen Archives suchen: Max Chambré · Emilie Chambré (auch geb. Vöhl) · Annemarie Chambré · Ernst-Ludwig Chambré · Henriette Hahn (auch geb. Chambré) · Monika Hahn
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Bücher und Archive zur Geschichte der Juden in Lich: Literatur
Recherche und Text: Arbeitsgruppe Stolpersteine Lich
Stand: Oktober 2026
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