Wir sind eine Arbeitsgruppe aus Licher Bürgerinnen und Bürgern. Seit dem Beschluss im Jahr 2018 bereiten wir die Verlegung von Stolpersteinen in Lich vor und kümmern uns um diese.
Damit wollen wir an die Menschen erinnern, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden: Jüdinnen und Juden, Opfer der sogenannten „Euthanasie“, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie politisch Verfolgte.
Wie es begann
Am 21. August 2018 legten Ulla Limberger, Hille Neumann, Pfarrer Lutz Neumeier und Inge Steul dem Magistrat den Antrag „Verlegung von Stolpersteinen im öffentlichen Raum“ vor. Er nannte die Namen von 31 Menschen, die nach 1933 ihren Wohnsitz in Lich verließen. Grundlage der Recherche war das Buch „Juden in Lich, Birklar, Langsdorf, Muschenheim und Ettingshausen“ von Hanno Müller und anderen aus dem Jahr 2010, dazu die Forschungen von Prof. Dr. Sharon Meen vom Vancouver Holocaust Education Centre.
Der Sozialausschuss stimmte einstimmig zu. Am 7. November 2018 nahm auch die Stadtverordnetenversammlung den Antrag einstimmig an, und die Stadt übernahm die Patenschaft für drei Steine. Im Beschluss heißt es:
Gerade in Zeiten, in denen die Stimme derer hörbarer wird, die sich gegen Toleranz und eine pluralistische Gesellschaft stellen, ist es umso wichtiger, Zeichen zu setzen. Stolpersteine sind solche Zeichen. Sie sind Teil einer Erinnerungskultur, die uns allen ins Bewusstsein ruft, was Menschen erleiden mussten, weil sie anders dachten oder glaubten, und welche Wunden Intoleranz und Verfolgung in unsere Gesellschaft reißt. Zugleich sind Stolpersteine uns allen eine Mahnung für Demokratie und Frieden einzutreten. Durch eine Patenschaft von Stolpersteinen soll diese Erinnerung und Mahnung seitens der Stadt Lich gewürdigt und unterstützt werden.
Der Gießener Anzeiger berichtete am 9. November 2018 über den Beschluss, die Gießener Allgemeine am 10. November 2018 unter der Überschrift „Stadt übernimmt Patenschaft für drei »Stolpersteine«“. Die erste Verlegung fand am 10. April 2019 in Langsdorf statt.
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Die Arbeitsgruppe mit Gunter Demnig (zweiter von links). Foto: Simon Malz -
Übergabe der Lesetexte vor der Verlegung. Foto: Simon Malz -
Im Gespräch mit dem Künstler. Foto: Simon Malz -
Ein Dank zum Abschluss der Verlegung. Foto: Simon Malz -
Mitglieder der Arbeitsgruppe stimmen den Ablauf ab. Foto: Simon Malz -
Nach getaner Arbeit. Foto: Simon Malz
Unsere Arbeit
Der Kontakt zu den Nachfahren der Familien ist uns wichtig. Wir beziehen sie so weit wie möglich in die Recherchen ein und laden sie zu den Verlegungen ein. Viele von ihnen reisen dafür nach Lich, denn die Steine sind auch Teil ihrer Familiengeschichte. Diese Begegnungen gehören zu den berührendsten Momenten unserer Arbeit.
Wir arbeiten eng mit der Dietrich-Bonhoeffer-Schule zusammen, die das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ durchführt. Der Lehrer Jan Hildebrand bietet hierfür regelmäßig einen Wahlpflichtkurs für die 9. und 10. Klassen an. Die Jugendlichen beschäftigen sich mit den jüdischen Familien, die früher in Lich lebten, und erleben Geschichte an ihrem ursprünglichen Ort. Bei den Verlegungen wirken die Schülerinnen und Schüler mit.
Uns ist der Kontakt zu den heutigen Eigentümern der Häuser ein besonderes Anliegen. Dass sie mit dieser Form des Erinnerns einverstanden sind, ist nicht selbstverständlich. Umso mehr freuen wir uns, wenn aus der Information Mitarbeit wird – und manchmal auch finanzielle Unterstützung.
Partner und Umfeld
Die Erinnerungsarbeit in Lich hat eine lange Geschichte. 1988 tauchten an der katholischen Kirche in Lich-Eberstadt antisemitische Parolen und Hakenkreuze auf. Daraufhin beauftragte die Stadtverordnetenversammlung die Dietrich-Bonhoeffer-Schule, die Zeit von 1933 bis 1945 in Lich zu erforschen. Fünf Lehrer und ihre Schülerinnen und Schüler arbeiteten in den Archiven der Stadt, werteten die Dokumente aus und stellten ihre Ergebnisse in einer umfangreichen Dokumentation und einer Ausstellung vor. Das Projekt wurde in Lich viel beachtet, zustimmend wie ablehnend, und erreichte über die Frankfurter Rundschau auch Nachfahren in den USA: Irma Lemberg, die 1935 nach New York geflohen war, schrieb 1989 „an die hellwachen Schüler“ einen Brief mit ihren Erinnerungen. Ernst-Ludwig Chambré nahm Kontakt zur Schule auf; daraus entstand ein langer Briefwechsel mit dem Lehrer Dr. Klaus Konrad. Seitdem gibt es an der Schule einen Wahlpflichtunterricht zum Thema und Fahrten zur Gedenkstätte Buchenwald.
Aus Dankbarkeit für die Arbeit der Schule brachte Ernst-Ludwig Chambré, der als Einziger seiner Familie den Holocaust überlebt hatte – Eltern, Schwestern und zwei Nichten wurden in Auschwitz ermordet –, sein Vermögen in eine Stiftung ein. Die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung wurde 1997 gegründet, ein halbes Jahr nach seinem Tod; ihre Ziele hatte er noch selbst mitbestimmt. Sie hält die Erinnerung an das hessische Judentum wach, fördert die Forschung über die Ursachen von Antisemitismus und Rassismus, etwa die Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen, und bietet mit dem Jugendbildungswerk des Landkreises Gießen jährlich mehrtägige Seminare in den Gedenkstätten Auschwitz und Buchenwald an.
1993 erinnerten die Evangelische Marienstiftsgemeinde, das Kino Traumstern und die Musikschule erstmals gemeinsam an den 9. November 1938. Seit 1998 gibt es jedes Jahr von November bis Dezember eine Veranstaltungsreihe, an der sich zahlreiche Organisationen beteiligen. Im Mittelpunkt steht die Mahnwache am Mahnmal vor der Marienstiftskirche zur Erinnerung an die jüdischen Familien in Lich.
Wir arbeiten mit Partnern zusammen, die sich seit Langem für die Erinnerungsarbeit in Lich einsetzen. Dazu zählen die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung, die Stadt Lich, die Dietrich-Bonhoeffer-Schule sowie das Kino Traumstern.
Zum Weiterlesen: Lich 1933–1945. Dokumentation, herausgegeben von der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich und dem Magistrat der Stadt Lich, erstellt von F. Bayer, Dr. G. Havelberg, Dr. K. Konrad, F. Müller, O. Stumpf und ihren Schülern, Lich 1988 · Klaus Konrad-Tromsdorf (Konrad-Leder): „Die Licher haben ein großes Schweigen…“ – Briefe ehemaliger Einwohner Lichs, in: Mitteilungen der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich, Lich 1998 · Hanno Müller u. a.: Juden in Lich, Birklar, Langsdorf, Muschenheim und Ettingshausen, 2010. Weitere Bücher und Archive: Literatur.
Bilanz und Ausblick
Bisher wurden in Lich, Langsdorf und Muschenheim vor den früheren Wohnhäusern der Opfer 103 Stolpersteine verlegt. Als Ziel hat sich die Arbeitsgruppe rund 120 Steine gesetzt. Weitere Steine sind für Menschen vorgesehen, die aus anderen Gründen von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.
Wenn Sie mitforschen, eine Patenschaft übernehmen oder mehr erfahren möchten, freuen wir uns über jede Nachricht von Ihnen.