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Stolpersteine Lich

Familie Julius Bamberger

Irene und Julius Bamberger

Fünf Stolper­steine vor dem Haus Kolnhäuser Straße 15, damals Butzbacher Straße 15, erinnern an den Viehhändler Julius Bamberger, seine Frau Irene, geborene Mayer, ihre Kinder Renate und Hugo Horst und Irenes Mutter Johanna Mayer, geborene Krämer. 1935 verlangte die Kirchen­leitung, die Pacht eines Bleich­platzes mit der Familie zu lösen; 1936 wurden Haus und Grund­besitz zwangs­ver­steigert. Julius floh am Tag vor der Versteigerung nach Johannesburg in Südafrika, Irene und die Kinder folgten ihm im Januar 1939. Johanna Mayer blieb in Frankfurt zurück. Sie wurde 1941 nach Kowno deportiert und ermordet.

Leben in Lich

Julius Bamberger stammte aus einer altein­gesessenen Familie in Muschenheim, heute ein Stadtteil von Lich, und wurde dort am 7. Mai 1898 geboren. Wie sein jüngerer Bruder Ludwig war er Viehhändler. 1926 heiratete er in Lich Irene Mayer, die am 28. September 1903 in Wohnbach zur Welt gekommen war. Am 19. Juli 1930 wurde ihre Tochter Renate geboren, am 9. Mai 1932 der Sohn Hugo Horst.

Schon 1929 hatte das Ehepaar gemeinsam mit Ludwig das Haus Butzbacher Straße 15 gekauft, dazu einen Grabgarten, also einen Gemüse­garten, in den „Gründerchen Gärten“. Außerdem überließ das Evangelische Marien­stift der Familie gegen eine jährliche Pacht von 5 Mark ein Gelände hinter dem Pfarr­garten als Bleich­platz.

Nachdem das Elternhaus in Muschenheim verkauft worden war, kam 1931 auch Ludwig nach Lich und zog mit der Mutter Rosa Bamberger in das Haus ein. 1932 gründeten die beiden Brüder die Firma „Gebrüder Bamberger, Viehhandel“. Im selben Jahr zog Irenes Mutter Johanna Mayer mit in das Haus, nachdem ihr Mann und ihre Tochter Paula gestorben waren.

Ausgegrenzt

1935 stand die Verlängerung des Pacht­ver­trags für das Kirchen­stück an, den Bleich­platz. Die Kirchen­gemeinde fragte beim Dekanat in Hungen an, wie man kirchlicher­seits zu einer Weiter­ver­pachtung stehe. Die Kirchen­leitung in Darmstadt antwortete:

Wir verpachten nicht mehr an Juden
und ersuchen Sie deshalb, auch das jetzt noch bestehende
Pachtverhältnis mit dem Juden Bamberger zu lösen.

Archiv Marienstift Lich, MST 295

Im folgenden Jahr, 1936, wurden Haus und Grund­besitz zwangs­ver­steigert. Die Versteigerung war für Donnerstag, den 20. August, angesetzt.

Flucht und Deportation

Am Tag vor der Versteigerung meldete sich Julius Bamberger allein aus Lich ab und floh nach Johannesburg in Südafrika.

Der neue Besitzer, Otto Hummel, ließ die im Haus Zurück­gebliebenen weiter dort wohnen, bis sie am 6. Oktober nach Frankfurt gingen. Dort konnten sie eine kleine Wohnung in der Rotteck­straße 10 mieten. Renate war damals sechs Jahre alt, Hugo vier.

Erst im Januar 1939 konnte Irene mit den Kindern von Frankfurt aus über Hamburg zu ihrem Mann nach Johannesburg fliehen.

Schwarzweißfoto: zwei Kinder und eine Frau an Deck eines Schiffes
Renate und Hugo Bamberger mit Mrs. Cohen an Bord der „Wangoni“ auf der Flucht aus Deutschland, 1939 Foto: privat, Sammlung Familie Bamberger

Johanna Mayer blieb allein in Frankfurt zurück. Am 20. Juni 1939 schrieb sie ihrer Enkelin Renate eine Karte zum Geburtstag, die erhalten ist:

Meine l[iebe] Renate, zu Deinem Geburtstage, welchen Du das Erste Mal ohne mich feierst, sende ich aus der Ferne meine herzlichste Gratulation. Mögest Du, mein l[iebes] Geburtstagskind zu unsrer aller Freude ein großes tüchtiges Mädchen werden. Wenn Du s.G.w. [„so Gott will“] wieder Geburtstag hast, kann ich Dir die Wünsche vielleicht persönlich überbringen. Frau Rosenthal kommt ungefähr am 16.7. dort an und bringt für Dich und l[ieben] Hugo auch Chokolade mit. Bleibet schön gesund, seid 1000mal herzinnig geküsst von Eurer Oma

Glückwunschkarte von Johanna Mayer, 20. Juni 1939

Adressiert war die Karte an ein jüdisches Kinderheim in Johannesburg. Dort hatten Renate und Hugo Aufnahme gefunden, bis die Eltern für ihren eigenen Lebens­unterhalt sorgen und die Kinder wieder zu sich nehmen konnten.

Irene versuchte, ihre Mutter mit Hilfe des Roten Kreuzes nach Johannesburg zu holen, doch alle Bemühungen blieben vergeblich. Am 22. November 1941 wurde Johanna Mayer nach Kowno deportiert und am 25. November 1941 ermordet. Sie wurde 63 Jahre alt. Ihre Enkel sah sie nicht wieder.

Auch Ludwig Bamberger und die Mutter der beiden Brüder, Rosa Bamberger, geborene Borngässer, konnten nicht fliehen.

Was bleibt

Julius und Irene Bamberger starben beide 1957 in Johannesburg: Irene am 30. Oktober mit 54 Jahren, Julius am 26. Dezember mit 59 Jahren.

Renate heiratete David Sulman; das Paar bekam vier Kinder: Heidi, Philip, Jeanette und Louis. Hugo wurde in Südafrika Elektriker und ging dann nach Rhodesien, dem heutigen Simbabwe. 1954 heiratete er Hilda Blacher; sie bekamen drei Kinder. Hugo starb 2021.

Für Ludwig und Rosa Bamberger wurden 2019 Stolper­steine vor dem Haus Oberstadt 26 verlegt. Als die Steine für Julius, Irene, Renate, Hugo und Johanna Mayer verlegt wurden, war Renate 93 Jahre alt. Ihre beiden Töchter waren dazu aus Los Angeles angereist: Jeanette mit ihrem Ehemann Steve Brodkin und Heidi Smith, geborene Sulman, mit zwei Töchtern. Renates Enkelin Shevi Smith-Margules hielt bei der Zeremonie eine Rede. Sie sagte:

My grandmother, Renate, her brother, Hugo, and her parents, Julius and Irene, survived the Holocaust. Soon, those who survived the Holocaust, like my grandmother, will no longer be with us. How will their stories be told once they are gone?

Meine Großmutter Renate, ihr Bruder Hugo und ihre Eltern Julius und Irene haben den Holocaust überlebt. Bald werden diejenigen, die den Holocaust überlebt haben, wie meine Großmutter, nicht mehr unter uns sein. Wie werden ihre Geschichten erzählt werden, wenn sie nicht mehr da sind?

Shevi Smith-Margules · Rede bei der Verlegung am 26. September 2023

Hugos Enkel Bryan Bamberger kam aus England nach Lich, um an seinen Großvater zu erinnern. Am Nachmittag erhielten die Nachfahren ein eigenes Programm mit einer Rundfahrt zu weiteren Orten, die für die Familie bedeutsam sind.

English summaryClose the summary

Five Stolpersteine at Kolnhäuser Straße 15 – then called Butzbacher Straße – remember Julius Bamberger, his wife Irene née Mayer, their children Renate and Hugo Horst, and Irene’s mother Johanna Mayer.

Julius Bamberger was born in 1898 in Muschenheim, today part of Lich, and was a cattle dealer like his older brother Ludwig. He married Irene Mayer in Lich in 1926; Renate was born in 1930 and Hugo Horst in 1932. In 1929 the couple bought this house together with Ludwig.

After the Nazis came to power in 1933, the family was pushed out step by step. In 1935 the church authorities refused to renew the lease of a plot of land, stating that they no longer leased land to Jews. In 1936 the house and property were sold at a forced auction. The day before the auction, Julius left Lich alone and fled to Johannesburg, South Africa. Irene, the children and Johanna Mayer moved to a small flat in Frankfurt. In January 1939 Irene, Renate and Hugo were able to follow Julius to Johannesburg by way of Hamburg.

Johanna Mayer stayed behind in Frankfurt. Her daughter’s efforts to bring her to South Africa with the help of the Red Cross failed. On 22 November 1941 she was deported to Kaunas (Kovno) and murdered there at Fort IX on 25 November 1941, aged 63.

Julius and Irene Bamberger both died in Johannesburg in 1957. Ludwig Bamberger and his mother Rosa did not manage to escape; Stolpersteine for them were laid in 2019 in front of Oberstadt 26. Descendants of the family travelled from the United States and England for the laying of the stones on 26 September 2023.

Are you related to this family, or do you know more about them? We would be glad to hear from you: info@stolpersteine-lich.de

Dokumente und Fotos

Stolpersteine der Familie

Was die Zeilen auf den Steinen bedeuten

Quellen

Im Online-Archiv der Arolsen Archives suchen: Hugo Horst Bamberger · Irene Bamberger (auch geb. Mayer) · Julius Bamberger · Renate Bamberger · Johanna Mayer (auch geb. Krämer)

Das Archiv fragt beim ersten Aufruf nach einer Einverständniserklärung. Die Suche zeigt auch Menschen gleichen Namens.

Bücher und Archive zur Geschichte der Juden in Lich: Literatur

Recherche und Text: Arbeitsgruppe Stolpersteine Lich
Stand: Oktober 2026

Was noch offen ist

  • Geburtsdatum Julius Bamberger: 7. Mai 1898 nach Mapping the Lives und dem Jahrgang auf dem Stein; ein früherer Text nannte den 7. Juli 1891.
  • Johanna Mayers letzte Frankfurter Adresse, Am Tiergarten 28, kennen wir bisher nur aus einer Rede bei der Verlegung 2023, noch nicht aus einer Archivquelle.
  • Die Erfassung der Gemeinde Lich von 1948 führt Irene Bamberger mit denselben Aufenthaltsdaten wie ihren Schwager Ludwig (1939–1942). Nach allen anderen Quellen lebte sie seit 1936 in Frankfurt – vermutlich ein Fehler der Liste.
  • Irenes Vermögen stand ab 1938 unter Aufsicht der Devisenstelle Frankfurt (Aktenzeichen 5148/38). Die Akte selbst haben wir noch nicht gesehen.

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