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Stolpersteine Lich

Familie Hermann Goldschmidt

Von 1892 bis 1933 hatte Hermann Goldschmidt in Lich ein Geschäft, von 1896 an gemeinsam mit seinem Bruder Moritz. 1933 musste die Familie es aufgeben. Fünf Stolper­steine vor dem Haus Braugasse 1 erinnern an Hermann Goldschmidt, an Moritz’ Witwe Eleonore, geborene Seliger, an ihren Sohn Herbert, seine Frau Else Karoline, geborene Gruner, und ihre Tochter Ruth Betty. Nur Herbert überlebte, in einem Versteck in den Nieder­landen. Hermann wurde in Theresien­stadt ermordet, Eleonore in Sobibor, Else Karoline und die neunjährige Ruth Betty in Auschwitz.

Leben in Lich

Die Brüder kamen in Altwiedermus zur Welt, einem Ortsteil des heutigen Ronneburg; ihre Eltern waren Herz und Käthchen Goldschmidt. Hermann, 1865 geboren, wurde Kaufmann. Am 3. August 1892 heiratete er in Lich Karoline Salome Baum und meldete im selben Jahr einen Kurzwaren­handel mit Laden an. Die Ehe blieb kinderlos; Karoline Salome starb 1913, ihr Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Lich ist erhalten.

1896 kam Moritz, 1872 geboren, nach Lich, und von da an arbeiteten die Brüder zusammen. Als „Gebrüder Goldschmidt, Manufaktur­waren“ wuchs ihre Firma. Am 27. Dezember 1898 heiratete Moritz Eleonore Seliger aus Bad Orb; 1899 kam die Tochter Gertrude zur Welt, am 14. Juni 1903 der Sohn Herbert.

Die Goldschmidts gehörten zu den angesehenen, wohlhabenden Familien der Stadt. Moritz war Schrift­führer, Vorstands- und Ehren­mit­glied im TV 1860 Lich und lange Jahre Rechner im Verkehrs- und im Volks­bildungs­verein. Hermann stand von 1922 an der jüdischen Gemeinde vor. 1931 starb Moritz unerwartet mit 59 Jahren; auch sein Grabstein ist auf dem jüdischen Friedhof in Lich erhalten.

Ausgegrenzt

Schon im Februar 1933 konnte ein Teil des Geschäfts nicht mehr betrieben werden. Zum 31. März 1933 musste das Geschäft ganz aufge­geben werden, im Oktober übernahm Willi Dillen­burger die Restge­schäfte. Zum 1. Januar 1934 legte Hermann sein Amt als Gemeinde­vor­steher nieder; am 5. Februar 1934 wurde der Besitz in der Braugasse verkauft.

Herbert war Kaufmann wie sein Vater. 1929 hatte er in Essen Else Karoline Gruner geheiratet, am 14. September 1933 kam ihre Tochter Ruth Betty zur Welt. Vom Licher Pogrom im März 1933, das die benachbarte Familie Chambré traf, blieben die Goldschmidts verschont. Im August 1933 beantragte Herbert einen Reisepass. Der Bürger­meister schrieb dazu:

Goldschmidt ist Jude und durchaus unbescholten. In marxistischem Sinne hat er sich unseres Wissens noch nie betätigt. Unserer Ansicht nach bestehen keine Gründe, die Erteilung des Passes abzulehnen. Goldschmidt beabsichtigt, wie er uns erklärt, wie alljährlich, eine in Holland lebende Verwandte auf etwa 8 Tage zu besuchen.

Stellungnahme des Licher Bürgermeisters, August 1933

Flucht und Deportation

Am 15. Dezember 1933 verließen Herbert, Else Karoline und die drei Monate alte Ruth Betty Lich und gingen nach Maastricht. Am 1. Januar 1934 kam Herbert noch einmal zurück, um das Haus zu verkaufen. Seine Mutter Eleonore ging zunächst zu Verwandten nach Essen und zog dann ebenfalls nach Maastricht.

Hermann blieb in Deutschland. Nach dem Verkauf wohnte er bei der Familie Bing, 1936 ging er in ein Altersheim nach Laubach, später in ein jüdisches Heim in Bad Nauheim.

Herberts Schwester Gertrude hatte 1920 den Gießener Lehrer Dr. Albert Chambré geheiratet, der 1925 die Leitung der Realschule in Bad Vilbel übernahm. 1933 wurde er abgesetzt und unter­richtete bis 1938 an der Jüdischen Bezirks­schule in Frankfurt. Am 13. November 1938 wurde er verhaftet und in das Konzentrations­lager Dachau gebracht, wo er sich in der folgenden Nacht das Leben nahm. Herbert half Gertrude und ihren beiden Töchtern bei der Flucht nach Maastricht und weiter nach England, wo sie überlebten.

Die Ehe von Herbert und Else Karoline war früh gescheitert; 1939 trennten sie sich, 1941 wurden sie geschieden. Else Karoline gehörte zur ersten Gruppe von Juden aus Maastricht, die am 25. August 1942 verhaftet wurde. Am 28. August wurde sie von Westerbork nach Auschwitz deportiert und dort am 31. August 1942 ermordet, mit 36 Jahren.

Hermann wurde am 27. September 1942 von Darmstadt nach Theresien­stadt deportiert und dort am 15. Oktober 1942 ermordet. Er war 77 Jahre alt.

Eleonore wurde 1943 von Westerbork deportiert und am 21. Mai 1943 in Sobibor ermordet, mit 67 Jahren. Ruth Betty war neun Jahre alt, als sie am 18. April 1943 mit ihren Großeltern verhaftet wurde. Am 25. Mai 1943 kam sie in das belgische Durch­gangs­lager Dossin in Mechelen, am 31. Juli wurde sie nach Auschwitz deportiert und dort unmittelbar nach der Ankunft am 3. August 1943 ermordet.

Was bleibt

Herbert Goldschmidt starb am 10. Dezember 1951 in Maastricht. In Bad Nauheim erinnert ein Text am Holocaust-Erinnerungsmal an Hermann Goldschmidt.

English summaryClose the summary

Five Stolpersteine at Braugasse 1 remember Hermann Goldschmidt, his sister-in-law Eleonore née Seliger, her son Herbert, Herbert’s wife Else Karoline née Gruner and their daughter Ruth Betty.

The brothers Hermann and Moritz Goldschmidt built up a respected drapery business in Lich; Hermann led the Jewish community from 1922 until the end of 1933. The business had to close in March 1933. Herbert, his wife and their baby daughter left for Maastricht in December 1933; his mother Eleonore followed.

Hermann was deported from Darmstadt to Theresienstadt and murdered there in October 1942. Else Karoline was deported from the Netherlands to Auschwitz and murdered in August 1942; Ruth Betty, aged nine, was murdered there in August 1943. Eleonore was murdered in Sobibor in May 1943. Herbert survived in hiding and died in Maastricht in 1951.

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Stolpersteine der Familie

Was die Zeilen auf den Steinen bedeuten

Quellen

  • Text der Arbeitsgruppe zur Verlegung am 26. September 2023
  • Stadtarchiv Lich, Passakten
  • Niederländischer Erinnerungstext, Maastricht
  • Bundesarchiv, Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden

Im Online-Archiv der Arolsen Archives suchen: Hermann Goldschmidt · Eleonore Goldschmidt (auch geb. Seliger) · Herbert Goldschmidt · Else Karoline Goldschmidt (auch geb. Gruner) · Ruth Betty Goldschmidt

Das Archiv fragt beim ersten Aufruf nach einer Einverständniserklärung. Die Suche zeigt auch Menschen gleichen Namens.

Bücher und Archive zur Geschichte der Juden in Lich: Literatur

Recherche und Text: Arbeitsgruppe Stolpersteine Lich
Stand: Oktober 2026

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