In der Nacht vom 12. auf den 13. März 1933 überfiel die Licher SA die jüdischen Familien in der Unter- und Oberstadt. Es war eine Woche nach der Reichstagswahl vom 5. März, sechs Wochen nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten. In vielen Biografien dieser Seite heißt diese Nacht „das Licher Pogrom“.
Die SA-Männer drangen in die Wohnungen ein, plünderten und warfen Hausrat auf die Straße. Jüdische Männer wurden in den „Frankfurter Hof“ verschleppt, das Stammlokal der Licher Nationalsozialisten, und dort gefoltert und schwer misshandelt. Die Kaufleute unter ihnen sollten „Rechnungen quittieren“, also bestätigen, dass offene Rechnungen bezahlt seien. Die Geschäftsbücher des Bankhauses Chambré wurden gestohlen.
Wen es traf
Von zwei Männern ist überliefert, was ihnen in dieser Nacht angetan wurde. Max Chambré aus der Unterstadt 7 wurden beide Kniescheiben zertrümmert, dazu kamen schwerste Kopfverletzungen; er konnte nie mehr allein gehen. Emil Isaak aus der Oberstadt 13 wurde in seinem Haus überfallen und in den Frankfurter Hof verschleppt. Seine Tochter Irma erinnerte sich Jahrzehnte später: „Mein Papa kam blutüberströmt zurück.“
Auch in den Geschichten dieser Familien ist die Nacht ein Einschnitt: Gustav Windecker, Eduard Windecker, Bamberger, Oppenheimer und Stiefel. Die Familie Goldschmidt in der Braugasse blieb verschont. Bei anderen Familien wissen wir es nicht.
Was danach kam
Nach dieser Nacht kam das soziale und wirtschaftliche Leben der jüdischen Familien in Lich zum Erliegen. Ihre Geschäfte wurden boykottiert, Kunden blieben weg, Gewerbe mussten abgemeldet werden. Einzelne Nachbarn halfen heimlich mit Lebensmitteln.
Viele gingen. Die Familie Chambré floh über Kassel und Berlin nach Belgien. Hedwig Bing floh mit 18 Jahren in die Niederlande. Ein Verzeichnis des Bürgermeisters vom Februar 1938 zählt nach: Am 1. März 1933 lebten 77 Jüdinnen und Juden in Lich, bis zum 10. Februar 1938 waren 52 von ihnen weggezogen, 25 lebten noch in der Stadt. Im September 1942 wurden die Letzten deportiert.
Langsdorf, 30. Juni 1934
In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1934 überfiel der SS-Sturm 1/83 aus Hungen in Langsdorf die Familien Oppenheimer, Goldstein und Nelkenstock. Die Männer kamen mit Motorrädern, bewaffnet mit Dolchen und Schusswaffen. Moritz Oppenheimer wurde angeschossen und starb am 2. Juli 1934 im Krankenhaus in Gießen; seine Frau Bertha und drei Söhne wurden durch Stiche und Schüsse verletzt. Auf vierzehn Stolpersteinen in Langsdorf steht deshalb: „30.6.1934 vom SS-Sturm überfallen / misshandelt“.
Nach dem Krieg standen Täter vor Gericht. Nach einer Darstellung von Alemannia Judaica wurden die Angeklagten 1947 zu langjährigen Haftstrafen verurteilt; 1949 wurde das Strafmaß in der Berufung erheblich gesenkt.
Was wir nicht wissen
Zu der Nacht in Lich kennen wir weder die Zahl der verschleppten Männer noch die Namen der Täter. Ob jemand dafür nach 1945 vor Gericht stand, ist uns nicht bekannt. Wer dazu Unterlagen, Briefe oder Erinnerungen aus der Familie hat, hilft uns sehr: Kontakt.
Fünfeinhalb Jahre später folgte das nächste Pogrom: November 1938 – Männer aus Lich in Buchenwald.
Quellen
- Lesetexte der Arbeitsgruppe zu den Verlegungen 2019 bis 2023
- Verzeichnis der in Lich ansässigen Juden, Bürgermeister der Stadt Lich, 11. Februar 1938 (Stadtarchiv Lich)
- Alemannia Judaica: Lich und Langsdorf
- Arbeitsstelle Holocaustliteratur: Ernst-Ludwig Chambré
- Jüdische Allgemeine, 24. Januar 2012 (Erinnerung von Irma Lemberg)
- Weitere Titel unter Literatur