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Stolpersteine Lich

Familien Hermann und Louis Stiefel

Neun Stolper­steine vor dem Haus Bahnhof­straße 10 erinnern an die Familien der Brüder Hermann und Louis Stiefel, die in Lich mit Frucht, Getreide und anderen Landes­pro­dukten handelten. Im Juni 1935 mussten beide Familien die Stadt verlassen: Hermann, seine Frau Selma und ihre Tochter Irma zogen nach Frankfurt, Louis, seine Frau Frieda und ihr Sohn Hans nach Gießen, wo Louis 1936 starb. Frieda und ihre Kinder Hans, Ida und Bertha Erna konnten in die USA fliehen. Hermann und Selma flohen 1939 in die Nieder­lande und wurden 1943 in Sobibor ermordet, ihre Tochter Henny 1942 in Auschwitz. Irma überlebte das Lager Westerbork. Bei der Verlegung wurden aller­dings die Steine der beiden Frauen namens Irma Stiefel vertauscht.

Leben in Lich

Hermann, Louis und ihr jüngerer Halbbruder Adolf Stiefel waren in Birklar geboren. Ihr Vater, der Getreide- und Frucht­händler Nathan Stiefel (1843–⁠1919), war zweimal verheiratet und hatte 24 Kinder; vier von ihnen starben bei oder kurz nach der Geburt.

Hermann kam am 18. Januar 1872 als zweites Kind von Nathan und Julie Stiefel zur Welt und wurde wie sein Vater Frucht­händler. Er zog nach Lich und wurde hier 1903 als Bürger angenommen. Seine Frau Selma, geborene Haas, stammte aus Assenheim, wo sie am 23. Juni 1876 geboren war. Am 24. Juli 1903 kam ihre Tochter Irma zur Welt; der Sohn Ernst, 1905 geboren, wurde nur ein halbes Jahr alt; am 6. April 1908 folgte die Tochter Henny.

Louis, das dritte Kind, war am 19. November 1873 in Birklar geboren und seinem Bruder Hermann eng verbunden. Auch er handelte mit Frucht und Getreide. 1905 heiratete er Frieda Guthmann, die am 2. November 1874 in Groß-Gerau geboren war. Um diese Zeit zog er nach Lich, später in das Haus seines Bruders. Das Paar bekam drei Kinder: Hans am 13. März 1906, Ida am 28. Dezember 1907 und Bertha Erna am 5. August 1913.

Von 1905 an führten Hermann und Louis gemeinsam die Firma „Nathan Stiefel Inh. Hermann u. Louis Stiefel“. Sie handelte mit Landes­pro­dukten, also landwirtschaft­lichen Erzeugnissen, mit Futter, Dünger, Frucht, Mehl und Viehsalz. Ab 1919 führte Hermann sie allein. Louis betrieb ab 1920 eine eigene Waage und einen Kohlen- und Baustoff­handel; seine Firma „Louis Stiefel, Frucht­handel“ war im Handels­register einge­tragen.

Hermanns Tochter Irma hatte die Ricarda-Huch-Schule in Gießen besucht und arbeitete als Buchhalterin im Betrieb ihres Vaters. 1929 heiratete sie Martin Oppenheim aus Bebra, der schon 1931 starb. Als Witwe kehrte sie nach Lich zurück.

Nach 1933 wurden alle noch lebenden Kinder Nathan Stiefels an ihren verschiedenen Wohnorten verfolgt. Sieben von ihnen wurden deportiert und ermordet, sechs gelang mit ihren Familien die Flucht in die USA.

Ausgegrenzt

Nach dem Licher Pogrom im März 1933 wurde die Lage für die jüdischen Familien unerträglich. Louis’ Sohn Hans wurde 1933 für mehrere Wochen in das Konzentrations­lager Osthofen verschleppt. Als er im Oktober 1933 einen Reisepass beantragte, schrieb der Bürger­meister, seine „Einstellung zum nationalen Staat“ sei „nicht gut“, und bat im Einver­nehmen mit Ortsgruppen­leiter und SA, den Antrag abzulehnen. Auch Idas Antrag auf einen Pass für eine Reise nach Frank­reich wurde nicht befür­wortet.

Im Februar 1935 wurde das Anwesen Bahnhof­straße 10 an die Stadt Lich verkauft; bis Ende Juni musste es geräumt sein. Am 13. Juni 1935 verließen beide Familien Lich: Hermann, Selma und Irma zogen nach Frankfurt in die Fichte­straße 9, Louis, Frieda und Hans nach Gießen in die Walltor­straße 48. Ida zog 1935 nach Mannheim.

Im Februar 1936 wurde Hermanns Firma abgemeldet, 1938 ging das Haus an die Licher Bank. Im März 1936 wurde die Firma von Louis „durch Verfügung des Bürger­meisters“ gestrichen. Am 14. Juli 1936 starb Louis Stiefel in Gießen, mit 62 Jahren. Sein Grabstein auf dem Neuen Friedhof in Gießen ist erhalten.

Flucht und Deportation

Henny und Bertha Erna gingen schon 1934 in die Nieder­lande. Henny zog im Februar 1934 nach Rotterdam, kehrte aber im selben Jahr zurück; Bertha Erna ging im Mai 1934. Am 26. März 1935 heiratete Henny in Gießen den Kaufmann Martin Löb, der seit 1933 in den Nieder­landen lebte, und floh mit ihm wieder dorthin; zuletzt wohnten die beiden in Amsterdam.

Am 9. März 1938 floh Frieda Stiefel mit Hans über Hamburg nach New York. Bertha Erna floh im September 1938 aus den Nieder­landen weiter nach New York. Ida heiratete Ernst Leopold Guthmann und konnte mit ihm in die USA fliehen.

Im Januar 1939 flohen Hermann und Selma Stiefel nach Den Haag, im Juni folgte ihnen Irma. Über Utrecht kamen sie nach Amsterdam.

Am 14. September 1942 wurden Henny und Martin Löb von Westerbork nach Auschwitz deportiert. Henny Löb wurde am 17. September 1942 ermordet, sie war 34 Jahre alt. Auch Martin Löb wurde in Auschwitz ermordet.

Hermann und Selma wurden im Lager Westerbork interniert, nach Sobibor deportiert und dort am 2. April 1943 ermordet – Hermann mit 71 Jahren, Selma mit 66.

Auch Irma kam nach Westerbork. Dort traf sie Hermann Windecker, den sie aus Lich kannte – den jüngeren Bruder von Gustav und Eduard Windecker. Die beiden heirateten im Lager und überlebten.

Was bleibt

Irma und Hermann Windecker zogen 1948 nach New York. Irma starb 1974, Hermann Windecker 1984.

Hans Stiefel diente später in der US-Armee; 1945 soll er als Soldat in Lich gewesen sein. Er starb 1962 in Syracuse, seine Mutter Frieda 1971 in New York. Ida starb 1991 in Syracuse, Bertha Erna 1992 in New York.

An Hermanns Tochter Irma erinnert deshalb ein Stein vor der Bahnhof­straße 27; der Stein vor diesem Haus gehört Irma Stiefel, geborene Salomon, der Frau von Adolf Stiefel.

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Nine Stolpersteine at Bahnhofstraße 10 remember the families of the brothers Hermann and Louis Stiefel, grain and produce merchants from nearby Birklar.

After the Lich pogrom of March 1933 both families left town in June 1935, Hermann’s for Frankfurt and Louis’s for Gießen, where Louis died in 1936. His wife Frieda and their children Hans, Ida and Bertha Erna all reached the United States; Hans had been held in the Osthofen camp in 1933.

Hermann, his wife Selma and their daughter Irma fled to the Netherlands in 1939. Hermann and Selma were interned in Westerbork and murdered in Sobibor on 2 April 1943. Irma survived Westerbork, where she married Hermann Windecker from Lich. Hermann and Selma’s younger daughter Henny and her husband Martin Löb were deported to Auschwitz and murdered in September 1942.

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Stolpersteine der Familie

Was die Zeilen auf den Steinen bedeuten

Quellen

  • Lesetext der Arbeitsgruppe zur Verlegung am 3. September 2021
  • Stadtarchiv Lich, Abmelderegister 1930–1935 und Passakten
  • Bundesarchiv, Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden

Im Online-Archiv der Arolsen Archives suchen: Hermann Stiefel · Selma Stiefel (auch geb. Haas) · Irma Stiefel · Henny Stiefel · Louis Stiefel · Frieda Stiefel (auch geb. Guthmann) · Hans Stiefel · Ida Stiefel · Bertha Erna Stiefel

Das Archiv fragt beim ersten Aufruf nach einer Einverständniserklärung. Die Suche zeigt auch Menschen gleichen Namens.

Bücher und Archive zur Geschichte der Juden in Lich: Literatur

Recherche und Text: Arbeitsgruppe Stolpersteine Lich
Stand: Oktober 2026

Was noch offen ist

  • Ob Henny und Martin Löb auch in Frankfurt gemeldet waren, wie das Gedenkbuch vermerkt, ist nicht geklärt.

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