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Stolpersteine Lich

Begriffe

Auf den Stolper­steinen steht in wenigen Zeilen ein ganzes Leben. Gunter Demnig verwendet dafür eine knappe, immer gleiche Sprache. Manche Wörter sind Begriffe der National­sozialisten; sie stehen auf den Steinen in Anführungs­zeichen. Hier steht, was die Zeilen bedeuten, und was hinter einigen Wörtern aus den Geschichten steckt.

Die Sprache der Steine

Hier wohnte – Die Kopfzeile nennt, was den Menschen mit diesem Ort verband. Der Stein liegt vor dem letzten Wohnort, den er oder sie frei gewählt hatte.

Jg. – Jahrgang, also das Geburtsjahr.

geb. / verh. / verw. – geborene, verheiratete, verwitwete: der Geburtsname einer Frau und die Namen, die sie durch Heirat trug.

unfrei­willig verzogen – Die Familie hat den Ort unter Druck verlassen – nach Boykott, Gewalt oder dem Verlust ihrer Existenz. Meist führte der Weg in eine größere Stadt, oft nach Frankfurt, wo man weniger bekannt war und auf Hilfe der jüdischen Gemeinde hoffte.

Flucht – Auswanderung unter Zwang. Dahinter stehen Jahr und Zielland, manchmal mehrere Stationen: „Flucht 1939 Holland“, dann „interniert Westerbork“.

überfallen / misshandelt, gedemütigt / entrechtet – Gewalt und Entrechtung, die ein Mensch am Ort erlebte. In Langsdorf erinnern vierzehn Steine an den Überfall vom 30. Juni 1934, siehe Pogrom März 1933.

„Schutzhaft“ – Verharmlosendes Wort der National­sozialisten für Haft ohne Gericht und Urteil, meist in einem Konzentrations­lager. Nach dem November­pogrom 1938 wurden so auch Männer aus Lich verschleppt, siehe November 1938.

verhaftet, entlassen – Haft in einem Gefängnis oder Lager; „entlassen“ hieß meist: unter der Auflage, Deutschland zu verlassen.

sog. Rassen­schande – Begriff der National­sozialisten für Liebe und Ehe zwischen Juden und Nicht­juden. Seit den „Nürnberger Gesetzen“ von 1935 war das verboten und wurde mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft.

interniert – Festge­halten in einem Lager, ohne Verfahren, oft in einem besetzten Land: Westerbork in den Nieder­landen, Mechelen in Belgien, St. Cyprien in Frank­reich.

deportiert – Zwangsweise verschleppt, meist in Sammel­trans­porten mit der Reichsbahn. Dahinter stehen Jahr und Ziel: ein Ghetto, ein Lager oder ein Ort, an dem die Menschen gleich nach der Ankunft ermordet wurden.

ermordet – Mit Datum, wo es überliefert ist. Für viele Ermordete gibt es kein Todes­datum; dann steht nur das Jahr oder der Ort.

ermordet im besetzten Polen – Steht, wenn das Ziel eines Trans­ports nicht sicher bekannt ist. Die Züge, die im September 1942 von Darmstadt abfuhren, führten vermutlich in das Vernichtungs­lager Treblinka.

tot – Gestorben – oft an den Folgen von Misshandlung, Haft oder Entrechtung, manchmal vor der Deportation.

mit Hilfe überlebt – Überlebt im Versteck oder mit falschen Papieren, weil andere Menschen geholfen haben.

einge­wiesen – Aufge­nommen in eine Heil- und Pflege­anstalt oder Nerven­klinik.

„verlegt“ – Auf den Steinen der Opfer der „Aktion T4“ in Anführungs­zeichen: Die Verlegung in eine andere Anstalt war der Weg in die Tötungs­anstalt Hadamar. Verlegungs- und Todestag sind deshalb oft dasselbe Datum.

„Aktion T4“ – Der Mord an mehr als 70.000 Patientinnen und Patienten aus Heil- und Pflege­anstalten in den Jahren 1940 und 1941. Der Name kommt von der Planungs­zentrale in der Berliner Tiergarten­straße 4. Die Morde gingen danach in anderer Form weiter.

Begriffe aus den Geschichten

Licher Pogrom – Der Überfall der Licher SA auf die jüdischen Familien in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1933. Mehr unter März 1933: das Pogrom in Lich.

November­pogrom – Die Gewalt gegen Jüdinnen und Juden im ganzen Deutschen Reich am 9. und 10. November 1938: Synagogen brannten, Wohnungen und Geschäfte wurden verwüstet, rund 30.000 jüdische Männer in Konzentrations­lager verschleppt. Mehr unter November 1938.

„Aktionsjude“ – So nannten die Behörden die jüdischen Männer, die nach dem November­pogrom 1938 verhaftet und in Konzentrations­lager gebracht wurden.

Zwangs­vor­namen „Israel“ und „Sara“ – Ab dem 1. Januar 1939 mussten Juden, deren Vorname nicht auf einer amtlichen Liste „jüdischer“ Namen stand, zusätzlich den Vornamen „Israel“, Jüdinnen den Vornamen „Sara“ führen und beim Standesamt eintragen lassen.

Frank­furter Hof – Gasthaus in Lich und 1933 Stamm­lokal der Licher National­sozialisten. In der Nacht vom 12. auf den 13. März 1933 wurden jüdische Männer dorthin verschleppt und misshandelt.

Vorsteher – Vorsitzender der israelitischen Gemeinde Lich, gewählt für einige Jahre.

Zwangs­ver­steigerung, Verkauf unter Wert – Viele Familien verloren Haus und Grund­stücke, weil sie Schulden nicht mehr bezahlen konnten, nachdem ihre Geschäfte boykottiert wurden, oder weil sie für die Flucht Geld brauchten. Käufer zahlten oft weit weniger als den Wert.

Viehhändler, Frucht­händler – Typische Berufe jüdischer Familien auf dem Land: Handel mit Vieh, mit Getreide, Futter und Dünger.

Manufaktur­waren, Landes­pro­dukte – Stoffe und Textilien; landwirtschaft­liche Erzeugnisse.

Hofreite, Grabgarten – Ein Hof mit Wohnhaus und Neben­gebäuden; ein Gemüse­garten.

Haustochter – Eine junge Frau, die in einer fremden Familie lebt und im Haushalt mithilft.

Orte

Hadamar – Heil- und Pflege­anstalt bei Limburg. 1941 wurden dort im Rahmen der „Aktion T4“ mehr als 10.000 Menschen in einer Gaskammer ermordet, bis 1945 weitere Tausende durch Medikamente und Hunger.

Heilan­stalt Gießen, Herborn, Weilmünster – Hessische Heil- und Pflege­anstalten. Von Weilmünster aus wurden 1941 viele Patientinnen und Patienten nach Hadamar gebracht.

Buchenwald – Konzentrations­lager bei Weimar. Nach dem November­pogrom 1938 wurden fast 10.000 jüdische Männer dorthin verschleppt.

Sachsen­hausen – Konzentrations­lager in Oranienburg nördlich von Berlin.

Theresien­stadt – Ghetto in Terezín nördlich von Prag. Viele ältere Jüdinnen und Juden aus Deutschland wurden 1942 dorthin deportiert. Zehntausende starben an Hunger und Krankheit, viele wurden weiter in Vernichtungs­lager verschleppt.

Łódź / Litzmann­stadt – Ghetto in der besetzten polnischen Stadt Łódź, von den Deutschen Litzmann­stadt genannt. Im Oktober 1941 kamen dort Deportationszüge aus Frankfurt und anderen deutschen Städten an.

Kowno / Kaunas, Fort IX – Festung bei Kaunas in Litauen. Am 25. November 1941 wurden dort fast 3.000 Jüdinnen und Juden erschossen, die wenige Tage zuvor aus Frankfurt, Berlin und München deportiert worden waren.

Minsk – Haupt­stadt des heutigen Belarus. In das Ghetto wurden 1941 und 1942 Jüdinnen und Juden aus Deutschland deportiert; die meisten wurden in der Umgebung erschossen.

Raasiku – Bahnstation bei Tallinn in Estland. Im September 1942 kam dort ein Deportationszug aus Frankfurt und Berlin an; fast alle Menschen wurden in der Nähe erschossen.

Treblinka – Vernichtungs­lager im besetzten Polen, nordöstlich von Warschau.

Sobibor – Vernichtungs­lager im Osten des besetzten Polens. Unter den Ermordeten waren rund 34.000 Jüdinnen und Juden aus den Nieder­landen.

Majdanek – Konzentrations- und Vernichtungs­lager am Rand von Lublin im besetzten Polen.

Auschwitz – Das größte deutsche Konzentrations- und Vernichtungs­lager, bei Oświęcim im besetzten Polen. Rund 1,1 Millionen Menschen wurden dort ermordet.

Westerbork – Durch­gangs­lager im Nordosten der Nieder­lande. Von dort fuhren 1942 bis 1944 Züge nach Auschwitz, Sobibor und Theresien­stadt.

Mechelen – Sammel­lager in der Kaserne Dossin zwischen Brüssel und Antwerpen. Von dort wurden Jüdinnen und Juden aus Belgien nach Auschwitz deportiert.

St. Cyprien – Internierungs­lager in Südfrank­reich nahe der spanischen Grenze. 1940 wurden dort auch jüdische Flüchtlinge festge­halten, die aus Belgien abgeschoben worden waren.

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