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Stolpersteine Lich, zur Startseite

Verlegung in Langsdorf, 10. April 2019

Am 10. April 2019 verlegte Gunter Demnig in Langsdorf die ersten Stolper­steine im Gebiet der Stadt Lich: sechs Steine für die Familie Oppen­heimer vor dem Haus Im Himmerich 5. Am Tag zuvor hatte er in Langsdorf über sein Projekt gesprochen.

Angestoßen hatte die Verlegung Ursula Jack aus Berlin. Die Langsdorfer Gruppe arbeitete dabei mit der Arbeits­gruppe Stolper­steine in Lich zusammen.

  • Drei Menschen im Gespräch auf der Straße, dahinter weitere Gäste
    Vor Beginn der Verlegung in Langsdorf Foto: Sammlung der Arbeitsgruppe
  • Ein Mann im dunklen Mantel spricht, ihm gegenüber stehen Zuhörer
    Ansprache bei der Verlegung Foto: Sammlung der Arbeitsgruppe
  • Eine Gruppe Jugendlicher und Erwachsener steht auf der Straße vor Häusern
    Jugendliche und Gäste bei der Verlegung Foto: Sammlung der Arbeitsgruppe
  • Ein Mann mit Hut kniet am Gehweg und setzt Steine, dahinter Zuschauer
    Gunter Demnig setzt die Steine, im Hintergrund die Gäste Foto: Sammlung der Arbeitsgruppe
  • Gunter Demnig kniet am Gehweg neben Eimern und verfugt die Steine
    Gunter Demnig verfugt die Steine Foto: Sammlung der Arbeitsgruppe
  • Sechs neue Stolpersteine im Pflaster, ringsum Werkzeug, Eimer und Pflastersteine
    Die sechs neuen Stolpersteine, kurz nach dem Setzen Foto: Sammlung der Arbeitsgruppe
  • Gunter Demnig mit Hut im Gespräch mit einem Mann im Anzug
    Gunter Demnig im Gespräch Foto: Sammlung der Arbeitsgruppe
  • Gunter Demnig und eine Frau aus der Arbeitsgruppe stehen nebeneinander auf dem Gehweg
    Gunter Demnig mit einem Mitglied der Arbeitsgruppe Foto: Sammlung der Arbeitsgruppe

Steine dieser Verlegung

Im Himmerich 5

Familie Moritz Oppenheimer

Was die Zeilen auf den Steinen bedeuten

Stimmen

Danke, dass wir mit den Stolpersteinen der Familie Oppenheimer in der Gegenwart gedenken können und damit zugleich ein Zeichen setzen gegen Ausgrenzung und Fremdenhass und für ein friedliches und solidarisches Miteinander.

Thank you that, with the Stolpersteine for the Oppenheimer family, we can remember them in the present and at the same time take a stand against exclusion and xenophobia and for living together in peace and solidarity.

Ursula Jack · Arbeitsgruppe Stolpersteine, bei der Verlegung am 10. April 2019
Ganze Rede lesenRede zuklappen

Danke, dass Sie gekommen sind, um an Moritz Oppen­heimer, seine Frau Berta, geb. Flörsheim und deren vier Kinder Zilly, Hugo, Siegfried und Gerhard zu erinnern und ihrer zu gedenken.

Moritz Oppen­heimer wurde 1879 als Viert­ältester von insgesamt sechs Geschwistern im Haus Obergasse 9 geboren. Sein Vater Jacob Oppen­heimer war Viehhändler und Handelsmann; seine Mutter Zerliene, geb. Herz kam aus Altenburg.

Die beiden jüngsten Geschwister von Moritz: Hugo und Hilda starben im Alter von zwei bzw. drei Jahren. Sein Bruder Max und die Zwillings­schwestern Rosa und Eva heirateten und verließen Langsdorf.

Eva, die in Gießen wohnte, wurde 1942 ins KZ Theresien­stadt deportiert und dort ermordet.

Moritz Oppen­heimer blieb in Langsdorf. Er wurde – wie schon sein Vater und auch sein Großvater – Handelsmann und Viehhändler.

1906 heiratete er Berta Flörsheim, die in Meerholz bei Kassel geboren war und später in Kulmbach lebte.

Die junge Familie zog zunächst in die Buche­gasse 1 und baute später ihr eigenes Haus Am Himmerich 5, in das sie 1912 einzogen.

Moritz und Berta bekamen vier Kinder: Zilly, die Älteste wurde 1907 geboren, Hugo ein Jahr später, Siegfried 1912 und Gerhard, der Jüngste 1915.

Ab 1933 verschärften sich Diskriminierung, Ausgrenzung und Bedrohung der Juden. Sogar nicht jüdische Nachbarn bekamen dies zu spüren. Zum Beispiel Wilhelm Dörr, der den Oppen­heimers in nachbarschaftlicher Freundschaft verbunden blieb, wurde als „Juden­knecht“ verhöhnt und sogar mit dem Tod bedroht.

Ende Juni 1934 befand sich der SS-Sturm 1/83 in Hungen im Solmser Hof. Am 30. Juni kam es in Hungen zu Gewalt­tätigkeiten gegen die jüdischen Familien. Danach gab der stell­ver­tretende Sturm­führer den Befehl, mit Motor­rädern nach Langsdorf zu fahren, um die dort lebenden jüdischen Familien zu „maßregeln“ – so der damalige, verschleiernde Sprach­gebrauch.

Unter Anführung des stell­ver­tretenden Sturm­führers, bewaffnet mit Dolchen und Schuss­waffen, drangen sie in die Häuser mehrerer jüdischer Familien in Langsdorf ein, demolierten die Wohnungs­ein­richtung und misshandelten und verletzten die Bewohner schwer. Laut Zeugen­aus­sagen unter­stützten ortsan­sässige SA und National­sozialisten die Übergriffe.

Bei der Familie Oppen­heimer zerschlugen sie die Glasscheibe der Haustür und drangen in das Haus ein. Sie trafen – mit Ausnahme von Zilly – die gesamte Familie an.

Moritz Oppen­heimer wurde durch einen Schuss tödlich verletzt. Berta und die drei Söhne Hugo, Siegfried und Gerhard trugen schwere Stich- und Schuss­ver­letzungen davon.

Siegfried flüchtete aus dem Haus. Er wollte Hilfe in der Wirtschaft Roth holen. In der Buche­gasse wurde er abermals zu Boden geschlagen und – schon auf dem Boden liegend – weiter misshandelt.

Dr. Claus aus Lich und der Langsdorfer Otto Bausch, der über Erfahrungen als Sanitäter verfügte, leisteten erste Hilfe und sorgten dafür, dass ein Sanitäts­wagen die Familie ins Krankenhaus brachte.

Moritz Oppen­heimer starb infolge der schweren Schuss­ver­letzungen zwei Tage später im Krankenhaus. Sein Grab ist auf dem jüdischen Friedhof in Hungen erhalten.

Berta und Siegfried waren so schwer verletzt, dass sie mehrere Monate im Krankenhaus bleiben mussten. Danach verkauften sie ihr Haus an die Familie Köhler.

Im Dezember 1935 floh Berta mit ihren Söhnen zunächst zu ihrer Familie nach Bamberg und später in die USA, wohin auch Zilly mit ihrem Mann folgte.

Meine Hoffnung, noch Familien­ange­hörige von Moritz und Berta Oppen­heimer zu finden, hat sich erfüllt. Enkel und Urenkel der beiden leben in den USA. Den Kontakt zu ihnen herzu­stellen, ist mir bisher noch nicht gelungen.

Danke, dass Sie alle hier sind!

Danke, dass wir mit den Stolper­steinen der Familie Oppen­heimer in der Gegenwart gedenken können und damit zugleich ein Zeichen setzen gegen Ausgrenzung und Fremdenhass und für ein friedliches und solidarisches Mitein­ander.

Read the English translationClose the translation

Thank you for coming to remember and commemorate Moritz Oppenheimer, his wife Berta, née Flörsheim, and their four children Zilly, Hugo, Siegfried and Gerhard.

Moritz Oppenheimer was born in 1879 in the house at Obergasse 9, the fourth eldest of six siblings. His father Jacob Oppenheimer was a cattle dealer and tradesman; his mother Zerliene, née Herz, came from Altenburg.

Moritz’s two youngest siblings, Hugo and Hilda, died at the ages of two and three. His brother Max and the twin sisters Rosa and Eva married and left Langsdorf.

Eva, who lived in Gießen, was deported to the Theresienstadt concentration camp in 1942 and murdered there.

Moritz Oppenheimer stayed in Langsdorf. Like his father and his grandfather before him, he became a tradesman and cattle dealer.

In 1906 he married Berta Flörsheim, who had been born in Meerholz near Kassel and later lived in Kulmbach.

The young family first lived at Buchegasse 1 and later built their own house, Am Himmerich 5, which they moved into in 1912.

Moritz and Berta had four children: Zilly, the eldest, was born in 1907, Hugo a year later, Siegfried in 1912 and Gerhard, the youngest, in 1915.

From 1933 onwards, discrimination, exclusion and threats against Jews grew ever harsher. Even non-Jewish neighbours felt it. Wilhelm Dörr, for example, who remained a friend and neighbour to the Oppenheimers, was mocked as a “Jews’ lackey” and even threatened with death.

At the end of June 1934, SS unit 1/83 was quartered in Hungen at the Solmser Hof. On 30 June, Jewish families in Hungen were attacked. Afterwards, the deputy unit leader ordered his men to ride to Langsdorf on motorcycles to “discipline” the Jewish families living there – in the veiling language of the time.

Led by the deputy unit leader and armed with daggers and firearms, they forced their way into the homes of several Jewish families in Langsdorf, wrecked the furnishings, and severely beat and injured the residents. According to witnesses, local SA men and National Socialists supported the attacks.

At the Oppenheimers’ house they smashed the glass pane of the front door and forced their way in. They found the whole family at home – except for Zilly.

Moritz Oppenheimer was fatally wounded by a gunshot. Berta and the three sons Hugo, Siegfried and Gerhard suffered severe stab and gunshot wounds.

Siegfried fled from the house. He wanted to get help at the Roth inn. In Buchegasse he was knocked down again and, already lying on the ground, beaten further.

Dr. Claus from Lich and Otto Bausch from Langsdorf, who had experience as a medic, gave first aid and made sure that an ambulance took the family to hospital.

Moritz Oppenheimer died in hospital two days later from his severe gunshot wounds. His grave survives in the Jewish cemetery in Hungen.

Berta and Siegfried were so badly injured that they had to stay in hospital for several months. Afterwards they sold their house to the Köhler family.

In December 1935, Berta fled with her sons, first to her family in Bamberg and later to the USA, where Zilly and her husband followed.

My hope of still finding relatives of Moritz and Berta Oppenheimer has been fulfilled. Grandchildren and great-grandchildren of the couple live in the USA. I have not yet succeeded in getting in touch with them.

Thank you all for being here!

Thank you that, with the Stolpersteine for the Oppenheimer family, we can remember them in the present and at the same time take a stand against exclusion and xenophobia and for living together in peace and solidarity.

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